Amt für Familie, Jugend, Senioren
und Soziales der Gemeinde Ehningen

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Donnerstag, 23. Februar 2012

MUT gegen rechte Gewalt 2011

Jedes Jahr im Herbst wird der ältere Jahrgang der D-Junioren des TSV Ehningen mit dem Thema „MUT gegen rechte Gewalt“ vertraut gemacht. Die Spieler tragen während der folgenden Saison Trikots mit dem entsprechenden Slogan „Mut gegen rechte Gewalt“.

 

Die Basis hierfür ist das Gemeinschaftsprojekt der TSV-Fußballer mit dem Familienreferat der Gemeinde Ehningen. Vor Saisonstart erhalten die Spieler an einem Schulungsabend wichtige Informationen zu diesem Thema. Ende Oktober 2011 war der Jahrgang 1999 an der Reihe – 15 Spieler und drei Trainer fanden sich im Musiksaal der Friedrich-Kammerer-Schule ein.

 

Dieses Jahr hatte mit Diplom Sozialpädagoge Dirk Briddigkeit ein externer Referent die Veranstaltung übernommen. Dank seiner beruflichen Kontakte als Anti-Gewalt-Trainer und Polizist a.D. kündigte er für diesen Abend zwei Aussteiger an, die den 11- und 12jährigen Spielern viel über Ihr Leben als ehemalige Gewalttäter vermitteln sollten.

Nach einer kurzen Kennenlernrunde erzählte Dirk Briddigkeit aus der Szene der Gewaltbereiten, die als „Linke“ und „Rechte“ bezeichnet werden.

 

Entsprechendes Infomaterial des Verfassungsschutzes über das Thema „Mut gegen rechte Gewalt“ (www.andi.nrw.de) rundeten den Vortrag sowie den Dialog mit den Jugendlichen ab. So bestand die Handreichung aus einem jugendtypischen Comic im Mangastil samt Themen dieses Abends wie bspw. rechtsextremistische Zeichen, Codes & Symbole sowie Handlungsalternativen gegen rechte Gewalt – u.a. bei rechtsextremistischer Propaganda an Schulen (www.schule-ohne-rassismus.org).

Mit einem kurzen jugendgerechten Einblick in die Basis unserer Demokratie der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sowie den Prinzipien unseres Rechtsstaats verbunden mit den Grundrechten war den Teilnehmern sofort klar, dass es keinerlei Nationalstolz in Verbindung mit einem politischen Kampfbegriff geben darf.

 

Aufgrund der sehr interessanten Workshop-Atmosphäre wurden bald die Jugendspieler in den Bann gezogen. Mit zahlreichen eigenen Erlebnissen erzählten auch die Spieler, wie sie Gewaltsituationen schon selber erlebten. So „löcherten“ sie den Leiter der Schulung bspw. mit den Themen „situatives Eingreifen/Verhalten“ und „Gewaltprävention“. Die Jugendlichen waren erstaunt wie leicht sie sich aus den Gefahren des Magnetfeldes der Gewalttäter entziehen können, dabei aber nicht zu vergessen, sofort per Handy für polizeiliche Hilfe für eventuelle Betroffene mit der Notrufnummer 112 sorgen, Abstand halten und auf keinerlei Provokationen eingehen.

 

Mit Verspätung durch den Berufsverkehr kamen die zwei Männer - Aussteiger der Szene – zum Workshop dazu. Dies waren Martin von der Jugendhilfe aus Winnenden und Ilias aus Esslingen.

 

Martin erzählte, dass er mittlerweile verheiratet ist und vier Kinder hat. Sein junges Leben verbrachte er in Reutlingen und Hamburg mit Skinheads der linken Szene. Schon bald waren Drogen, Schlägereien, Hausbesetzungen und Alkohol sein tägliches Leben. Polizei und Skins führten eine Art Krieg gegeneinander. Heute ist er in einer Anlaufstelle für obdachlose Jugendliche tätig. So manchen Jugendlichen holte Martin aus einem gewaltbereiten Umfeld. Die Einrichtung der Paulinenpflege bietet dafür einen Zufluchtsort samt pädagogischer Betreuung.

 

Illias ist auch verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat eine feste Arbeitsstelle und ist „geheilt“ von gewaltbereitem Sport der rechten Hools. Ilias ist VfB-Fan, war jedoch über 20 Jahre lang als Hooligan unterwegs. Er traf sich mit gewaltbereiten Gleichgesinnten zu Fußballspielen, um sich dort mit anderen Gruppierungen (polizeilicher Begriff „Gewalttäter Sport“) zu schlägern. Dieses Leben begleitete ihn vom 12. bis zum 36. Lebensjahr, verbunden mit diversen Anzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung.

Vor vier Jahren wäre er wegen gefährlicher Körperverletzung inhaftiert worden. Durch eine gerichtliche Auflage musste er sich als Haftalternative zu einem Anti-Gewalt-Training (einer Art „Therapie gegen Gewalt“) verpflichten. Dieses schaffte er nach einem Jahr und konnte sich so dieser Szene entziehen. Diese Anti-Gewalt-Therapie wurde damals durch Dirk Briddigkeit geleitet. Seither lebt Ilias gewalt- und straffrei. Er freut sich immer, Jugendlichen den Weg aus der Gewalt zeigen zu können. Hiermit versucht er Dinge aus seiner Vergangenheit für sich wieder gut zu machen.

 

Nach dem gegenseitigen Vorstellen der Teilnehmer kannten die Jungs keine Grenzen mehr, um alles aber auch alles über und von den beiden Aussteigern zu erfahren. Falsche Kameradschaft, Haftzeiten, Kontakte zu den Opfern, Wiedergutmachung, Rückblicke auf die gewalttätige Vergangenheit und Ausblicke auf eine weiterhin gewaltfreie Zukunft.

 

Der Grundtenor dieses Abends war und ist glasklar: „Mut gegen Rechts ist Zivilcourage. Im Verein, in der Schule und in der Öffentlichkeit. Überall. Immer!“

 

Zum Abschied sorgten Dirk, Martin und Ilias mit Wünschen und Anregungen für das zukünftige Leben der Fußballspieler für nachdenkliche Gesichter: „Lebt wild und ausgelassen – aber Gewalt- und Straffrei. Genießt Eure Kindheit und das Jugendalter. Ihr habt nur dieses eine junge Leben!“

 

Die Schulung hat sich sicher gelohnt – besser kann präventive Arbeit nicht verrichtet werden.

 
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